HessenFilm und Medien GmbH

Preisträger Hessischer Film- und Kinopreis 2019

Das sind die Preisträger*innen des 30. Hessischen Film- und Kinopreises 2019. Zu den prämierten Kinos geht es hier entlang. Die Gewinner des Hessischen Fernsehpreises gibt es hier.

Kategorie Spielfilm

Karin Hanczewski und Sebastian Fräsdorf in "Bruder Schwester Herz" von Tom Sommerlatte©Osiris Media

BRUDER SCHWESTER HERZ

(Deutschland 2019, 105 Minuten)

Regie: Tom Sommerlatte

Die Jury: "Bruder Schwester Herz" ist der zweite Film von Tom Sommerlatte und er macht Lust auf mehr. Sensibel und atmosphärisch dicht erzählt der Regisseur ein komplexes und intensives Geschwisterverhältnis, das sich seine eigene Idylle auf dem Land geschaffen hat, bis diese plötzlich gestört wird: ein Western im Setting der deutschen Provinz.

Lilly, wunderbar gespielt von Karin Hanczewski, will mehr von ihrem Leben, als nur eine Rinderfarm zu betreiben, stößt bei ihrem Bruder Franz (Sebastian Fräsdorf) aber auf wenig Zuspruch. Er will nichts in seinem Leben verändern und so ist es für den charismatischen Musiker Chris (Godehard Giese) ein Leichtes, Lilly davon zu überzeugen, mit ihm zu gehen. Als sie zurückkommt, sind sich die beiden Geschwister fremder als je zuvor.

Tom Sommerlatte gelingt es sein hervorragendes Cast, das bis in die Nebenrollen - u.a. mit Jenny Schily - vorzüglich besetzt ist, und das großartig gewählte Setting gekonnt und stimmungsvoll in eine erfrischende und wunderbare Symbiose zubringen.

Mit "Bruder Schwester Herz" bringt Sommerlatte nicht nur das Genre Western auf die deutschen Kinoleinwände, er reichert seine Tragikomödie auch mit atmosphärisch gut gewählter Musik und lebhaften Dialogen an und setzt somit ein Zeichen, wie junges deutsches Kino auch sein kann.

 

 

Kategorie Dokumentarfilm

"Why Are We Creative?" von Hermann Vaske im Interview mit David Bowie©Emotional Network

WHY ARE WE CREATIVE?

(Deutschland 2018, 79 Minuten)

Regie: Hermann Vaske

Die Jury: Der Regisseur Hermann Vaske beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Frage "Why are we creative?". Dieses, in all seinen Werken immer wiederkehrende Thema, hat er nun in einem 90-minütigen Roadmovie gebündelt, um die Facetten und die Grundfrage der Kreativität von bekannten Künstlern, Politikern und Wissenschaftlern aufzuzeigen.

Er befragt seine Interviewpartner in zum Teil konstruierten, schwierigen Situationen, z.B. auf der Straße, per Telefon, in gediegener Hotelatmosphäre oder auf dem Weg zur Bühne, um sie ad hoc, zu nicht vorbereiteten Statements zu bewegen. Sie können dabei nur reden oder auch zeichnen.

Seine Herangehensweise und Annäherung an dieses komplexe Thema ist intellektuell, philosophisch und - trotz der Spontanität - fast wissenschaftlich – mit Sicherheit sind die Antworten für den Zuschauer sehr unterhaltsam und zur Selbsthinterfragung anregend.

Die Jury war beeindruckt von der langjährigen Recherche und der herausragenden Struktur des Werkes.

Es war eine sehr kluge Entscheidung, die Überlegungen des Regisseurs in vielen Handzeichnungen als Zwischensequenzen zu animieren und zu erzählen. Dadurch wird eine größere Distanz zu den Realszenen der Interviews erzeugt, welche dann noch klarer und aussagekräftiger werden.
Hermann Vaske hat mit diesem Werk einen Meilenstein gesetzt.

 

Kategorie Kurzfilm

"See der Freude" von Aliaksei Paluyan©Aliaksei Paluyan

SEE DER FREUDE

(Deutschland 2019, 30 Minuten)

Regie: Aliaksei Paluyan

Die Jury: Ein junges, kleines Mädchen reist, um seinen Vater zu suchen, durch Weißrussland - um ihn dann selbstbewusst, aber enttäuscht wieder zu verlassen.

Diese in vielen kleinen, wunderschönen Momenten erzählte Geschichte wird von Regisseur Aliaksei Paluyan zu einem großartigen filmischen Meisterwerk geformt. Die subtile Kameraführung zeigt in liebevoller, dezenter Handschrift die eindrucksvollen Schauspieler und Landschaften - verbindet sie zu einer Einheit von Hoffnung, Liebe und Verlust und zeigt gleichzeitig die Schönheit von Natur und Mensch.

Besonders hervorzuheben ist die Hauptdarstellerin, die durch ihre Ausstrahlung und Darstellung, die ohnehin schon sehr intelligent arrangierten Mosaiksteine der Handlung, in ihrer Tonalität und Poesie großartig verstärkt.

Die Bildsprache und die Wirkung dieses herausragenden Kurzfilms sind gewaltig und daher entschied die Jury einstimmig.

 

 

Kategorie Hochschulfilm

"Pech und Schwefel" von Joschua Keßler mit Anke Sevenich©Joschua Keßler

PECH UND SCHWEFEL

(Deutschland 2019, 33 Min.)

Regie: Joschua Keßler | Hochschule Darmstadt

Die Jury: Max und Ben sind seit Jahren beste Freunde. Doch als Ben nach einem Unfall im Krankenhaus liegt, wird die Freundschaft der beiden auf die Probe gestellt. Nach der anfänglichen Überforderung wird der Unfall für Max zur Chance, seine freundschaftliche Beziehung zu Ben auf eine neue, vertrautere Ebene zu bringen. 

"Pech und Schwefel" ist ein visuell hochwertiger Film, der mit glaubhaften und größtenteils sympathischen Charakteren und deren interessanten Beziehungen zueinander glänzt. Lobenswert ist auch der gute Einsatz von Rückblenden. Diese sind unterhaltsam, stellen die Charaktere und ihre Beziehungen vor und werden in die Handlung eingebunden. Musik wird zwar nur sparsam, aber dafür umso effektiver eingesetzt.

Joschua Keßler gelingt es, das Zusammenspiel seiner Darsteller gekonnt zu führen und zeigt mit seinem Abschlussfilm, dass auch an den hessischen Filmhochschulen, hier die Hochschule Darmstadt, talentierte Nachwuchsfilmemacher ausgebildet und zu herausragenden Leistungen geführt werden.

Kategorie Drehbuch

Ausgezeichnet mit dem Hessischen Drehbuchpreis 2019: Frauke Lodders mit "Am Ende des Sommers"©Frauke Lodders

AM ENDE DES SOMMERS
Autorin: Frauke Lodders

Die Jury: Die Geschwister Hannah und Timotheus stehen vor einem Scheideweg: Beide wachsen in einer streng gläubigen Familie auf, die Rückhalt, bedingungslose Liebe und ein geschütztes Umfeld verspricht. Das familiäre Leben scheint perfekt. Doch der Schein trügt.

Während Hannah Interessen außerhalb der Gemeinschaft entwickelt, wird Timotheus mit seiner Homosexualität konfrontiert. Nun stellt sich für die Geschwister die Frage, wie weit sie gehen müssen, um frei und unbestimmt erwachsen zu werden, auch wenn das bedeutet, sich gegen den Willen ihrer eigenen Familie zu stellen.

Für ihr Spielfilmdebüt entwickelt Frauke Lodders mit "Am Ende des Sommers" eine ergreifende Geschichte von zwei jungen Menschen mit emotionaler Zugkraft. Durch eine abgestimmte Mischung aus gelungener Dramaturgie, starken Figuren und einfühlsamen realistischen Dialogen eröffnet die Autorin einen aktuellen Blick auf eine hochgradig packende Parallelwelt. Das Abbild der von Machtstrukturen durchzogenen Familie liefert die ideale Grundlage für ein aufwühlendes Kinoerlebnis.

Newcomerpreis 2019

Maryam Zaree erhält für ihr Regiedebüt den Hessischen Newcomerpreis 2019©Tondowski Films

Maryam Zaree erhält den Hessischen Newcomerpreis 2019

Auszug aus der Pressemitteilung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst vom 20. September 2019:

Maryam Zaree ist eine erfolgreiche Schauspielerin. Nun hat sie mit "Born in Evin" als Regisseurin ihren ersten langen Dokumentarfilm vorgelegt. Er greift den Umstand auf, dass Zaree erst im Erwachsenenalter durch Zufall erfährt, dass sie 1983 im Teheraner Evin-Gefängnis als Tochter zweier vom Mullah-Regime inhaftierter politischer Oppositioneller geboren wurde. Zwei Jahre nach ihrer Geburt wird ihre Mutter gemeinsam mit ihr aus dem Gefängnis entlassen. Die Mutter flüchtet mit ihr unmittelbar nach der Entlassung nach Frankfurt am Main. Da Maryam Zaree selbst keine Erinnerungen an die Zeit im Gefängnis hat und ihre Mutter hierzu schweigt, macht sie sich in dem Film auf eine Spurensuche zu den Umständen ihrer Geburt und der Zeit im Gefängnis.

Für ihren Debütfilm hat sich Zaree an ein mutiges wie unbequemes Thema herangewagt. Sie gewährt Einblicke in persönliche Abgründe, wird zum Ventil weiterer Betroffener und bricht damit das Schweigen stellvertretend für diese Generation.
Das tut bisweilen weh, berührt und bewegt zu Fragen über seine eigene Geschichte und die Gesellschaft. Maryam Zaree gelingt es dabei diese Geschichte nicht nur auf emotionaler Ebene aufzuarbeiten, sondern sie schafft es auch auf filmischer Ebene einen herausragenden Debütfilm vorzulegen.

Ihre filmische Spurensuche reichert sie gekonnt mit humorvollen und selbstironischen Sequenzen an und schafft damit die richtige Balance zwischen tragischen und warmen Momenten.

Darüber hinaus meistert sie auch die besondere Herausforderung sowohl Regisseurin als auch Protagonistin des Films zu sein.

Ehrenpreis 2019

©DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

 

DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum erhält den Ehrenpreis des Hessischen Ministerpräsidenten

Auszug aus der Pressemitteilung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst vom 20. September 2019:

Der Ehrenpreis des Hessischen Ministerpräsidenten 2019 geht an das DFF - Deutsche Filminstitut & Filmmuseum. Seine Entscheidung begründet Ministerpräsident Volker Bouffier wie folgt:

"Das Deutsche Filminstitut und Filmmuseum (DFF) erhält den diesjährigen Ehrenpreis des Hessischen Ministerpräsidenten. Das DFF setzt die ihm zugeschriebene Aufgabe, Filmkultur lebendig zu halten und deren Stellenwert zu vermitteln, in herausragender Weise um. Das DFF ist eine Institution von internationalem Rang, sie verbindet das Bewahren des filmischen Erbes mit so lebendiger wie moderner Vermittlung von historischer und aktueller Filmkultur. Ob Museum, Kino, Archive und Sammlungen, Festivals, digitale Plattformen, Forschung und Digitalisierung -  das DFF verbindet Verantwortung für Bewahren und wissenschaftlichem Erforschen mit den Herausforderungen digitaler Realitäten und Zukunft. Das DFF feiert und würdigt den Film und alles, was ihn ausmacht, gestern wie heute. Und das seit 70 Jahren. Darauf kann Hessen stolz sein! Geehrt werden stellvertretend für die Institution dessen langjährige Direktorin Claudia Dillmann und Ellen Harrington, ihre Nachfolgerin und aktuelle Direktorin sowie das langjährige Vorstandsmitglied Dr. Nikolaus Hensel, der mit Harrington das Vorstandstandem bildet."

Sonderpreis

julius weckauf, birgit schade
Julius Weckauf in "Der Junge muss an die frische Luft" von Caroline Link©© Julia Terjung

DER JUNGE MUSS AN DIE FRISCHE LUFT

(Deutschland 2018, 110 Minuten)

Regie: Caroline Link

"Wenne wat wills, dann machet einfach und kümmer dich nich drum, wat die Leute sagen", so Omma Änne zum neunjährigen Hans-Peter Kerkeling aus Recklinghausen. Vielleicht dachte sich das auch Caroline Link bei ihrer Verfilmung der Autobiografie "Der Junge muss an die frische Luft", in der Hape Kerkeling erzählt, wer und was ihn zu seinen besonderen Figuren und seinem außergewöhnlichen Humor inspirierte. Am meisten motivierte ihn dabei der unbedingte Wille, seine von jeglicher Lebensfreude beraubten Mutter, zum Lachen zu bringen. Schließlich nahm sie sich doch das Leben, und Hape Kerkeling verarbeitet somit auch ein tragisches Schicksal seiner Familie.

Die Regisseurin musste sich der Herausforderung stellen, Trauer und Freude, Lachen und Weinen in eine funktionale Symbiose zu bringen, und somit die richtige Balance zwischen Tragik und Komik zu finden. Das gelang ihr mit größter Bravour, sodass sie dem Kino die bewegendste Tragikomödie seit Langem bescherte.

Die größte Herausforderung durfte allerdings die Suche nach einem geeigneten Darsteller für den jungen Hape Kerkelings gewesen sein. Die Arbeit mit Kindern am Set unterliegt ohnehin schon besonderen Bedingungen, einen Jungen zu finden, der einen der bekanntesten und beliebtesten Entertainer der deutschen Fernsehunterhaltung in seinen jüngsten Jahren glaubhaft verkörpert, dazu gehört aber auch viel Glück. Mit dem außergewöhnlichen Julius Weckauf zog die Regisseurin allerdings das große Los. Nicht nur äußerlich ist eine große Ähnlichkeit zu erkennen, auch in seiner Spielfreude und seinem liebenswerten und fröhlichen Wesen wirkt er wie eine Miniaturausgabe von Kerkeling. Caroline Link führt dieses unglaubliche Talent zu einer hervorragenden schauspielerischen Leistung und macht ihn zu einem ebenbürtigen Teil des großartigen Darsteller-Ensembles.
Dieses bewegt sich wunderbar in dem bis ins kleinste Detail durchdachten und liebevollen Setting des Ruhrpotts der 70er Jahre: die kleinbürgerliche Großfamilie mit etlichen Tanten und Onkeln, die trutschigen Tante-Emma-Läden, die bunten Samstagabendshows im Fernsehen als großes Familienevent und die unverkennbaren Hitparaden der 70er Jahre.

Mit ihrem ehrlichen und sentimentalen Blick auf diese Ära schafft die Regisseurin eine berührende Nostalgie, die aber nie kitschig ist. Sie trifft stets den richtigen Ton und lässt oft auch einfach nur Bilder sprechen.

Caroline Link zeigt wieder einmal, warum sie zu den bedeutendsten deutschen Regisseurinnen zählt, die schon auf viele Auszeichnungen, u.a. eine Oscar-Prämierung, zurückblicken kann.
"Der Junge muss an die frische Luft" ist ein grandioses filmisches Meisterwerk und die Jury des Hessischen Film- und Kinopreises möchte der in Bad Nauheim geborenen Regisseurin für diese herausragende Leistung den Sonderpreis 2019 verleihen.