HessenFilm und Medien GmbH

Preisträger Hessischer Film- und Kinopreis 2017

Kategorie Spielfilm

Moritz Bleibtreu in Özgür Yildirims Gangsterdrama "Nur Gott kann mich richten"
© Constantin Film

Nur Gott kann mich richten (Deutschland 2017, 90 Minuten)
Regie: Özgür Yildirim | Preisgeld: 25.000 Euro

Gangstergeschichten lassen sich nicht überall erzählen. Der Ort muss schon ein besonderes Flair haben, muss geprägt sein von Gegensätzen, muss ein Schmelztiegel verschiedenster Kulturen sein. Liefert dieser Ort auch noch unverbrauchte und authentische Bilder, dann ist er perfekt. Für Regisseur Özgür Yildirim konnte dieser Ort nur Frankfurt am Main sein. Das raue Bahnhofsviertel mit dem letzten echten Rotlicht-Milieu Deutschlands neben der einzigartigen Skyline des Bankenviertels; gut gekleidete Banker, die an Obdachlosen und Drogenjunkies vorbeihetzen – auch das ist eine Seite von Frankfurt.

Özgür Yildirim versteht es in „Nur Gott kann mich richten“ dieser Stadt eine großartige Hauptrolle zu geben, die die Essenz dieser Geschichte bildet. Drei Charaktere, die alle etwas moralisch Gutes tun wollen: Der Ex-Häftling Ricky, der für sich und seinen senilen Vater ein besseres Leben plant, sein jüngerer Bruder Rafael, der mit seiner Freundin ein Tanzstudio eröffnen möchte und die Polizistin Diana, die ihrer todkranken Tochter Lilly ein Herz beschaffen will. Doch um ihre Sehnsüchte zu stillen, müssen sie erst Böses tun. Allen dreien wird das schließlich zum Verhängnis.

„Nur Gott kann mich richten“ ist keine leichte Kost, sondern ein starker Genrefilm mit großartiger Besetzung. Das Darstellerensemble um Moritz Bleibtreu, Edin Hasanovic und Birgit Minichmayr spielt seine Rollen so authentisch, dass der Zuschauer einen spürbar realistischen Einblick ins Milieu erhält. Zu verdanken ist das auch dem hervorragenden Szenenbild und der herausragenden Kameraarbeit, die atemberaubende Bilder von Frankfurt und dem Milieu einfängt.

Özgür Yildirim gelingt es mühelos, Charakterstudie und Milieustudie zu einem atmosphärisch dichten Gangsterfilm zu verknüpfen und beweist nebenbei, dass Frankfurt das Zeug hat zum Schauplatz für beeindruckende Kinofilme.

Kategorie Dokumentarfilm

Thomas Frickels "Wunder der Wirklichkeit" ist eine Hommage an den Rüsselsheimer Filmemacher Martin Kirchberger © Thomas Frickel

Wunder der Wirklichkeit (Deutschland 2017, 97 Minuten)
Regie: Thomas Frickel | Preisgeld: 15.000 Euro

Thomas Frickels Dokumentarfilm "Wunder der Wirklichkeit" schildert die künstlerische Arbeit der Künstlergruppe "Cinema Concetta" um Martin Kirchberger. Er und sein Team verunglückten in der Nähe von Heidelberg am 22. Dezember 1991 mit einem Flugzeug während der Dreharbeiten zum satirischen Kurzfilm „Bunkerlow“.

Nach 25 Jahren hat Thomas Frickel nun aus originalen Film- und Tondokumenten und aus eigener Perspektive ein ebenso sensibles wie lebendiges Portrait seines Freundes und Kollegen Martin Kirchberger und des „Cinema Concetta“-Filmteams geschaffen.

Die Dokumentation meistert den Grenzgang zwischen Komik - die Darstellung satirischer Inhalte - und Tragik - die Schilderung von Überlebenden über das traurige Unglück - in sehr eindrucksvoller Weise.

„Wäre diese Geschichte erfunden, wäre sie nur eine zynische, geschmacklose Übertreibung. Aber so hat die Katastrophe von Heidelberg die Botschaft des Films auf makabre Art und Weise in die Wirklichkeit hinein verlängert“, so der Filmemacher.

"Wunder der Wirklichkeit" ist eine herausragende, packende Hommage an Thomas Frickels Freund Martin Kirchberger und die Gruppe "Cinema Concetta" - und eine sehr nahegehende Entdeckungsreise in die Grauzone zwischen Erfundenem und der Wirklichkeit.

Kategorie Kurzfilm

Anke Sevenich und Rainer Reiners in "Familienzuwachs" von Teresa Hoerl © MÄKSMY

Familienzuwachs (Deutschland 2017, 33 Minuten)
Regie: Teresa Hoerl | Preisgeld: 5.000 Euro

„Familienzuwachs“ nimmt sich dem viel diskutierten Thema „Flüchtlinge“ an. Der Film schafft es, sich humorvoll, vielseitig und authentisch mit verschiedensten Perspektiven auseinander zu setzen. 

Eine geflüchtete Familie zieht in das Haus des kinderlosen Ehepaares Renate und Manni. Auf dem hessischen Land sind sie gefangen im Alltagstrott und Manni wird von seiner Frau vor vollendete Tatsachen gestellt. Nach anfänglichen Missverständnissen gelingt zunehmend das Zusammenleben. 

Das Drehbuch gibt den Figuren Raum, ihre Zuwendung und Sehnsüchte zeigen zu können. Wo man gerade noch vermuten könnte, der Humor stünde im Vordergrund, wird der Inhalt wieder schärfer und das Lachen bleibt einem im Halse stecken.

Tolles Schauspiel von allen Beteiligten, u.a. von Anke Sevenich, und eine herrlich authentische Ausstattung mit viel Lokalkolorit runden das gelungene Drehbuch der Regisseurin Teresa Hoerl ab.

Kategorie Hochschulfilm

"INK OF YAM" von Tom Fröhlich, Absolvent der Hochschule Darmstadt © Tom Fröhlich

Ink of Yam (Deutschland 2017, 75 Minuten)
Regie: Tom Fröhlich | Hochschule Darmstadt | Preisgeld: 7.500 Euro

„Ink of Yam“ erzählt den Weg zweier Männer, die über Sankt Petersburg nach Jerusalem kamen und gemeinsam ein Tattoo Studio eröffneten, mit dem Ziel den Menschen dort einen besonderen Ort zu geben.

Die Gründe, warum man sich ein Tattoo stechen lässt, sind vielfältig und persönlich. Diese intimen Momente beobachtet der Film aufmerksam und portraitiert Ängste, Hoffnungen und verschiedenste Haltungen zum Leben in Jerusalem, indem Regisseur Tom Fröhlich die Menschen einfach reden lässt.

Dicht erzählt und gut strukturiert wird die Komplexität dieser Stadt für Außenstehende nachvollziehbar und gewährt einen tiefen Einblick in die junge Gesellschaft Israels. 

Kategorie Drehbuch

David Ungureit © A. Englert

Schneegestöber
Autor: David Ungureit | Preisgeld: 7.500 Euro

„Schneegestöber“ ist die Geschichte eines Todkranken, der zum Sterben ins Hospiz geht. Ihre Schilderung gelingt David Ungureit sehr intensiv, denn vor dem Tod gibt es noch allerhand zu erzählen.

Gabriel Dorn, Sportjournalist in den frühen Vierzigern, erfährt plötzlich, dass er Leukämie im Endstadium hat. Kurz nach der Gewissheit bricht er alle Kontakte ab, auch zu seiner Exfrau und der achtjährigen Tochter Lili. Sie sollen ihn als kraftstrotzenden Menschen in Erinnerung behalten als den er sich selbst gern gesehen hatte.

Im Hospiz trifft er auf einen Ort, der viel lebendiger ist, als er es erwartet hatte und der einige Überraschungen bereithält, z. B. Mitbewohner, die ganz andere Strategien haben, sich dem, was kommt, zu stellen. Und dann ist da noch Nadja, die für sich beschlossen hat, ihr Leben alleine und vor allem auch ohne Gabriel zu beenden.

„Schneegestöber“ punktet mit einem gelungenen Spannungsbogen, hoher Emotionalität und guten Figuren. Autor David Ungureit schafft es, dieses eigentlich traurige Thema so humorvoll und stark zu erzählen, wie man es kaum erwarten konnte.